„Wenn ein Chemiker die homöopathische Arznei untersucht,
findet er nur Wasser und Alkohol;
wenn er eine Diskette untersucht, nur Eisenoxid und Vinyl.
Beide können jedoch eine Menge Informationen bergen."

Dr. Peter Fischer, Forschungsleiter am Royal London Homeopathic Hospital

INFOBLOG
Homöopathie in der Geburtshilfe | Homöopathie - Fragen und Antworten

Homöopathie in der Geburtshilfe

Homöopathie in Schwangerschaft, Geburt & Wochenbett


"Vom Augenblick der Empfängnis
bis zur Entbindung neun Monate später
ist der Mensch empfänglicher für seine Umwelt,
als er es in seinem Leben je wieder sein wird."


Ashley Montagu


Homöopathie während Schwangerschaft, Geburt & Wochenbett

Die Nachfrage ist groß, nach einer sanften Begleitung während dieser besonderen Lebensphase von Schwangerschaft und Geburt.
In keiner anderen Lebensphase ist der Wunsch nach gesunder Ernährung und Lebensführung, aber auch einer Medizin ohne Nebenwirkung, so gefragt. Fast instinktiv öffnet sich die werdende Mutter einer bestmöglichen Behandlung für sich und ihr Kind.
Die Homöopathie kann ein wunderbarer Begleiter in dieser Zeit sein, das zeigt sich immer wieder in der Praxis und so manche klinische Dramen sind durch ihren Einsatz zu verhindern.
Ihre dynamischen, jedoch in potenzierter Form toxisch nicht belastbaren Arzneien, vermögen in ihrer Resonanz viele Störungen im natürlichen Verlauf von Schwangerschaft und Geburt zu lindern oder aufzulösen. Dieser Punkt ist ein wichtiges Entscheidungskriterium der werdenden Eltern die Homöopathie als Alternative in dieser sensitiven Lebensphase zu wählen.
Wer Frauen während der Schwangerschaft homöopathisch begleitet, der wird als Therapeut mit vielen Fragen konfrontiert, die in anderen Lebensphasen eine weitaus geringere Rolle spielen. Vieles was sonst selbstverständlich erscheint, wird während der Schwangerschaft zu Recht doppelt hinterfragt.
Schon durch die hormonellen Veränderungen stellen sich körperliche und seelische Umstellungen ein, wozu sich auch mancherlei Beschwerden gesellen können. Dies wirft zusätzliche Fragen auf. Darüber hinaus wächst das Verantwortungsgefühl für das heranwachsende Kind.
Welche Störungen können homöopathisch behandelt werden, welche gehören zu einer Schwangerschaft normalerweise dazu?
Diese Fragen stehen häufig ganz am Anfang und sind auch nach vielen Jahren der Erfahrung nicht immer eindeutig zu klären.

Eine große Entscheidungshilfe zur Behandlung von Schwangeren und ihren Beschwerden, ist die Differenzierung zwischen akuten und chronischen Störungen (auch wenn dies manchmal nicht leicht fällt). Denn hier gibt es durchaus unterschiedliche Vorgehensweisen.

Bei der akuten Behandlung liegt meist eine klare Hauptbeschwerde vor mit der sich die Schwangere konfrontiert sieht. Es gibt einen deutlichen, akuten Leidensdruck und somit auch einen klaren Behandlungsauftrag.

Häufige akute Indikationen aus der Praxis sind:
• Blutungen mit drohender Fehlgeburt
• Hyperemesis (Übelkeit & Erbrechen)
• Anämie
• EPH - Gestosen
• Störungen der Wehentätigkeit

Aber auch leichtere Beschwerden wie z.B.:
• Sodbrennen
• Hämorrhoiden
• Wadenkrämpfe
• Nasenbluten
• Schlaflosigkeit

gehören zu den eher akuten Schwangerschaftsbeschwerden mit denen man in der homöopathischen Praxis konfrontiert wird. Hier ist die Grenze zwischen akuter oder chronischer Beschwerde jedoch weniger leicht zu ziehen.
Zusätzlich stellt sich bei dieser Gruppe von Beschwerden auch die Frage, ob es überhaupt schon einer homöopathischen Arznei bedarf, oder sich durch andere Maßnahmen (z.B. diätetische) Linderung verschaffen lässt. Besonders zu diesem Punkt sind der Austausch und die Zusammenarbeit mit einer erfahrenen Hebamme sehr von Vorteil.

Bei der chronischen Behandlung fällt die Definition für den „klaren Behandlungsauftrag“ schon schwieriger. Ich selbst habe zu Beginn meiner Praxiszeit immer für eine “Konstitutionstherapie” (chronische Behandlung) plädiert, ganz im Sinne Samuel Hahnemanns. Er hat in seinem “Organon der Heilkunst” die chronische Behandlung der werdenden Mütter durch eine antipsorische Kur (§ 284) sehr empfohlen: .....„damit ihre Nachkommenschaft im Voraus dagegen geschützt sei. Dies ist so wahr, daß die Kinder so behandelter Schwangern gemeiniglich weit gesünder und kräftiger auf die Welt kommen“.....
Diesen Standpunkt vertrete ich heute weitaus eingeschränkter.
Eine chronische Behandlung während der Schwangerschaft ist aus meiner Sicht dann besonders empfehlenswert, wenn diese durch eine spezielle Indikation notwendig wird und durch die homöopathische Arznei ein Zugewinn für den positiven Verlauf der Schwangerschaft sowie der Entwicklung des Kindes in Aussicht stehen. Insbesondere dann, wenn die Frau in einer vorherigen Schwangerschaft negative Erfahrungen gemacht hat.


Eine Begleitung von Anfang an, Hebammen & Homöopathie

Als ich vor 10 Jahren begann Hebammen in klassischer Homöopathie zu unterrichten, war dies meine erste intensive Begegnung mit dem Berufsbild der Hebamme. Bis heute ist meine Achtung vor diesen Frauen, die von Anfang an das neu entstehende Leben begleiten, sehr groß. Die intensive Zusammenarbeit hat mich sehr geprägt und bereichert.
Mir ist es ein großes Anliegen die Hebammen mit einem möglichst breiten Basiswissen aus Theorie & Praxis der Homöopathie auszustatten, damit sie im Moment einer Arzneiindikation angemessen handeln können.
Besonders die Störungen der “primären Lebensphase”, die für das spätere Leben einen so besonderen Einfluss haben, lassen sich mit einer guten homöopathischen Begleitung frühzeitig beeinflussen.
Sowohl durch ihre Präsenz als auch ihrer fachlichen Kompetenz, ist die Hebamme besonders geeignet etwaige Störungen im natürlichen Verlauf von Schwangerschaft & Geburt homöopathisch zu begleiten.
Niemand anders als die Hebamme ist so nah an der Geburt, kennt die Schwächen und Stärken der Frauen besser in dieser Endphase der Schwangerschaft. Durch Beobachtung und Erfahrung kann sie schnell erkennen wo es zu einer Blockade kommt, wo es einen Stillstand gibt und eine homöopathische Arzneiindikation entsteht.
Stehen größere Blockaden oder klinische Hindernisse im Raum, so trägt die enge Zusammenarbeit zwischen Hebamme & Homöopath (Arzt oder Heilpraktiker), zum bestmöglichen Heilungsergebnis für Mutter & Kind bei.


Der richtige Zeitpunkt für die homöopathische Behandlung

Häufig stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Behandlungsbeginn.
Hier gilt es stets abzuwägen was in dieser Schwangerschaft die bestmögliche Unterstützung für Mutter & Kind sein kann.
Dazu ein typisches Beispiel aus der Praxis: eine Frau kommt zur Erstanamnese mit der Diagnose “Colitis ulcerosa”. Wenn sie akute Schübe hat, dann führt das zu heftigen Durchfällen die meist mit Blut oder Schleim vermischt sind. Seit kurzem weiß sie das sie schwanger ist (11. Woche). Die Colitis ist momentan symptomfrei, der letzte Schub liegt nun sechs Monate zurück. Zurzeit nimmt sie keine allopathischen Arzneien ein. Sie hat lediglich etwas Übelkeit (jedoch ohne Erbrechen), ansonsten geht es ihr gut momentan und sie freut sich über die Schwangerschaft. Sie hat gehört die Homöopathie hat bei der Behandlung von chronischen Darmerkrankungen Erfolge erzielt und sie möchte diese nun angehen.
Durchaus vermag die Homöopathie bei chronischen Krankheiten wie der Colitis ulcerosa deutliche Besserungen zu bewirken. Der homöopathische Therapiebeginn sollte im genannten Fallbeispiel allerdings nicht zum jetzigen Zeitpunkt stattfinden. Da momentan keine Symptome und Einschränkungen durch die Grunderkrankung vorliegen, sollte der Beginn der chronischen Behandlung außerhalb der Schwangerschaft liegen. Wenn sich jedoch das Symptombild und der Zustand während der Schwangerschaft verändern, es noch mal zu akuten Darmsymptomen kommt, so sind ein rascher Behandlungsbeginn und eine homöopathische Behandlung unbedingt empfehlenswert. Dieser Beginn erleichtert sich durch die bereits durchgeführte Erstanamnese.


Akute Störungen rund um die Geburt

Aus meiner früheren Tätigkeit als Krankenpfleger habe ich viel innerklinische Erfahrung (besonders in der Intensivmedizin) sammeln können. Damals schon war ich auf der Suche nach einer alternativen, aber auch rasch wirksamen Heilmethode.
Diese Alternative habe ich in der Homöopathie gefunden. Die intensive Wirkung der passenden Arznei lässt sich gerade in der Zeit rund um die Geburt, die von Wachstum, Dynamik und großen Veränderungen geprägt ist, in beeindruckender Weise beobachten.
Hier kann z.B. mit der passenden Arznei der werdenden Mutter eine Hilfe zur Verfügung gestellt werden um loszulassen, wenn sie von Ängsten geplagt in der Eröffnungsphase feststeckt. Diese Angst, die sie daran hindert sich weiter zu öffnen, lässt sie immer mehr verkrampfen und dadurch verliert sie zunehmend die ihr zur Verfügung stehende Kraft. Die Schmerzen werden dabei unerträglich und die Geburt verkompliziert sich zunehmend. Die für diesen Zustand homöopathisch gewählte Arznei kann helfen die Geburt zu verkürzen. Sie hilft die Schmerzen zu lindern und unterstützt somit auch das positive Erlebnis der spontanen Geburt für Mutter & Kind.
Auch das Neugeborene kann in der postnatalen Phase enorm von einer frühzeitig gegebenen Arznei profitieren. Hier besteht z.B. häufig die Indikation einer Arzneigabe wenn sich das Kind von der Geburt nicht rasch genug erholt (bedingt durch Komplikationen im natürlichen Geburtsverlauf). Je nach Kausalität und Ausprägung der jeweiligen Störung (z.B. Trinkschwäche, träge Verdauung, Gelbsucht usw.) kann auch hier die passende Arznei das Kind in seiner Erholung und Weiterentwicklung sehr unterstützen.
Je früher die Mutter-Kind-Einheit mit der homöopathischen Arznei an der Stelle abgeholt wird wo sich eine Blockade befindet (der natürliche Prozess eine Störung erfahren hat und dadurch ein “Sich-von-alleine-erholen“ ausbleibt), desto besser wirkt es sich auf die spätere Entwicklung aus.
Die möglichst frühe “Akuthilfe” ist ein Hauptkriterium warum ich die homöopathische Ausbildung von Hebammen so sehr befürworte und unterstütze.


Chronische Störungen im Rahmen der Geburtshilfe

Häufig werde ich aufgesucht von Frauen die bereits in einer vorherigen Schwangerschaft oder während einer Geburt spezielle Komplikationen erfahren haben. Sei es eine Neigung zum Abort, oder einer sonstigen Komplikationen während Schwangerschaft, Geburt & Wochenbett, all dies sind Beweggründe für eine chronische Behandlung.
Hier zeigt meine Erfahrung wie wichtig es ist genau hinzuhören um die erlebte Komplikation möglichst genau in der Anamnese zu begreifen. Ich habe häufig erfahren, dass sich das Bild der akut erlebten Störung deckt mit der Arznei die man auch für den chronischen Kontext gefunden hat. Das bedeutet, dass man die “chronische” Arznei nun quasi auch prophylaktisch einsetzt um einer weiteren negativen Erfahrung (wie z.B. einer massiven Wehenschwäche unter der Geburt) vorzubeugen. Ja, ich gebe der Frau diese “chronische” Arznei in der angemessenen Potenzierung auch als “akute” Hilfe mit zur Geburt (auch hier ist die Information & Zusammenarbeit mit der Hebamme gefragt!!). Hierauf kann sie dann zurückgreifen, wenn eine ähnliche Komplikation droht, wie sie diese bereits erlebt hat. Oft ist die Arzneiwirkung hier weitaus besser (da eine tiefere Resonanz zur individuellen Dynamik besteht) als es beim Einsatz einer sonst typischen, homöopathischen Geburtsarznei der Fall ist. Denn diese muss in der Akutsituation oft unter Zeitdruck verordnet werden.
Vorteile bestehen zu dieser Methode auch, weil die Arznei im Vorfeld schon ihre positive Wirkung entfalten konnte und die homöopathische Hilfestellung im Akutfall schneller zur Verfügung steht. Hier merkt die homöopathisch versierte Hebamme bald, ob sie bei einem blockierten Geburtsverlauf bei der “chronischen” Arznei bleiben kann, oder die Dynamik doch einen Wechsel und somit die Gabe einer anderen Akutarznei erfordert.


Materia medica rund um die Geburt

Über viele Jahre habe ich in meinen Arbeitskreisen die speziellen Arzneien, aber auch klinischen Indikationen rund um die Geburt erarbeitet, beleuchtet und vorgestellt.
Den alten Meistern der Homöopathie, wie etwa W.A. Yingling, C. Knerr, aber auch C. Hering, stand damals ein verlässlicher Pool von ca. 120 Arzneien im Rahmen der Geburtshilfe zur Verfügung.
Sowohl der homöopathisch arbeitenden Hebamme, als auch jedem praktizierenden Homöopathen der Störungen rund um die Geburt behandelt möchte, kann ich dieses spezielle Studium der Materia medica nur empfehlen.
Man lernt dabei die Arzneien von einer sehr dynamischen Seite kennen. Eine Seite wie man sie sonst vielleicht nur aus der Akutbehandlung von Verletzten oder fiebernden Kindern kennt.

Häufig habe ich in meiner Praxiszeit beobachten dürfen wie beeindruckend schnell und vorteilhaft sich die passende homöopathische Arznei in einer Akutsituation auswirkt.
Vielleicht ist es das was meine Begeisterung in der Behandlung der Themen rund um die Geburt ausmacht und was mich antreibt Hebammen in der Handhabung des homöopathischen Handwerks zu unterstützen.


Bonn, im Januar 2006


© Jürgen Weiland